Vorfreude, Geburtspläne und kein Durchkommen bei der JVA

Ja, ich wusste, dass ich erst einmal mit dem Baby allein sein würde. Dass es anstrengend werden würde, jede Woche in die JVA zu gehen, um meinen Mann zu besuchen. Dass ich mich immer wieder fragen würde, ob es die richtige Entscheidung war, bei ihm zu bleiben. Ein Kind mit jemandem zu bekommen, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommen hat. Hoffnung zu haben, die andere nicht verstehen. Die naiv sein mag.

Und dann regt sich das Würmchen in meinem Bauch. Drückt mir ein Füßchen in die Seite, dann noch einen, streckt sich und zeigt mir ganz deutlich: Es gibt kein zurück. Es ist jetzt so wie es ist. Ich bekomme ein Kind. Von einem Mann, der kurz nach dem positiven Schwangerschaftstest eingerückt ist. Der mehrmals am Tag anruft und wissen will, ob es uns gut geht. Der sich mit mir auf unser Baby freut. Der gern bei mir wäre und es aus eigener Schuld nicht kann. Dass ich mal in so einer Situation sein könnte, hätte ich nie gedacht. Ich komme aus einer halbwegs heilen Familie, bin Akademikerin, habe keine Drogen- und auch sonst keine schwierige Vergangenheit. Dass ich mal mit Baby im Bauch meinen Mann im Gefängnis besuchen würde, war nicht abzusehen. Aber es ist jetzt so. Und irgendwie bin ich trotz allem glücklich.

Ich freue mich auf mein Baby, auf unser Baby. Im Moment stelle ich mir vor allem vor, wie die Geburt ablaufen soll. Ich sollte einen Kaiserschnitt bekommen, hatte der Arzt empfohlen, der mich vor ein paar Jahren operiert hat. Weil meine Gebärmutter richtige Wehen vielleicht nicht aushält und reißen könnte. Ich will keinen Kaiserschnitt, habe ich ihm vor ein paar Monaten gesagt. Er müsse mir weiterhin einen empfehlen, sagte er. Sie müssen sich absichern, richtig? wollte ich wissen. Er nickte. Und meinte, wenn ich eine Spontangeburt versuchen möchte, solle ich es bei ihnen im Krankenhaus probieren. Dort bin ich also angemeldet. Und hoffe, dass alles gut geht. Gut gehen bedeutet: Ohne (Not-)Kaiserschnitt, ohne Dammschnitt, ohne Blasensprengung, ohne Medikamente und sonstige Interventionen. Außer natürlich, das Würmchen oder ich sind in Gefahr. Das ist ja logisch. Und recht selten.

Jedenfalls freue ich mich wahnsinnig auf die Geburt! Ich bin neugierig, wie sich das anfühlt, dieses archaische Erlebnis, das alltäglich und doch jedes Mal einmalig ist.

Und ich hätte da noch mehr Wünsche für die Geburt: Ich möchte einen abgedunkelten Raum, um mich ganz auf mich und das Baby zu konzentrieren. Ich möchte trinken und Kleinigkeiten essen, wenn mir danach ist. Ich möchte in die Wanne, wenn mir danach ist. Ich möchte mich bewegen, wenn mir danach ist. Und ich möchte nicht ständig abgetastet und untersucht werden. Ich möchte mein Baby selbst in Empfang nehmen, wenn es herausgleitet. Ich möchte danach mit ihm allein sein, eine Stunde oder zwei diesen neuen Menschen in Ruhe kennenlernen. Mein Baby soll alle Phasen der ersten Lebensstunde in Ruhe durchleben können. Ob sich das in einem Krankenhaus durchsetzen lässt? Mal sehen.

Ich möchte eigentlich auch nicht, dass irgendjemand neben mir hockt während der Geburt. Am liebsten wäre ich ganz allein, ganz für mich, irgendwo im Dunkeln, zuhause, wo auch immer, Hauptsache in Ruhe. Nur mein Mann sollte da sein. Für die Geburt hat er „Sonderurlaub“ beantragt (§35 StVollzG). Dort heißt es: „Aus wichtigem Anlaß kann der Anstaltsleiter dem Gefangenen Ausgang gewähren oder ihn bis zu sieben Tagen beurlauben.“ So einen Sonderurlaub gewähren JVAs natürlich nicht gern. Falls der Insasse doch abhaut oder eine Straftat begeht, ist der Anstaltsleiter, der Psychologe, die JVA verantwortlich. Der Antrag wurde auch direkt abgelehnt. Wir haben Widerspruch eingelegt. Im Vollzugsplan meines Mannes steht, dass der Psychologe bei ihm keine Fluchtgefahr sieht. Im Kreißsaal ist eine Wiederholung seiner Straftat auch ausgeschlossen. Trotzdem wird es wohl dabei bleiben. Das macht mich wütend. Auf ihn natürlich, er ist ja aus eigener Schuld und völlig zu Recht im Gefängnis. Aber auch auf das System. Schließlich soll während einer Haftstrafe auch auf die Stärkung sozialer Bindungen der Häftlinge zu ihren Angehörigen geachtet werden. Stattdessen werden wir wohl eher als lästiges Anhängsel betrachtet. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

Nun will ich mich erst einmal – trotz allem – auf unser Baby freuen. Gemeinsam mit meinem Mann, der nur zehn Kilometer von mir entfernt hinter Mauern und Stacheldraht sitzt. Wenn ich ihn besuche und wir in der großen Halle an unserem kleinen Tisch sitzen, zwischen 30 anderen kleinen Tischen, dann hat er die ganze Zeit seine Hand auf meinem Bauch, kitzelt kleine Füßchen, die sich ihm entgegenstrecken, streichelt einen kleinen Rücken, beugt sich hinunter und singt unserem Würmchen irgendwelche Reime vor. Das macht mich glücklich. Und traurig. „Glückrig“, wie mein Mann manchmal sagt. Bald wird er nicht mehr mit meinem Bauch reden. Bald werde ich unser Baby durch die Kontrollen tragen, von der Beamtin durchsuchen lassen müssen und ihm im Besucherraum in den Arm legen. Damit er so viel Zeit wie möglich mit unserem Kind hat. Und unser Kind so viel Zeit wie möglich mit ihm. Das alles ist so unheimlich unperfekt. Aber gleichzeitig so perfekt, wie es unter diesen Umständen sein kann. Einmal pro Woche können wir uns sehen. Unser Baby wird noch nicht verstehen, dass sein Papa nicht zuhause ist. Und wenn es anfängt, die ersten Schritte durchs Leben zu tapsen, dann ist er hoffentlich wieder da.

Aber erst einmal muss der Fratz ja auf die Welt kommen. Es ist so unwirklich, dass das Kleine schon bald aus meinem Bauch aus- und in unsere kleine Wohnung einzieht. Und ich dann nicht mehr alleine lebe. Sondern mit meiner kleineren Hälfte zusammen. Das macht mich glücklich. Auch wenn meine größere Hälfte nicht bei uns ist. Das macht mich traurig. „Glückrig“ eben.

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